Mode im Museum - Interview mit Karen Van Godtsenhoven
Mode im Museum
Ein Interview mit Karen Van Godtsenhoven, Modekuratorin am Antwerpener
Modemuseum MoMu über die Vergänglichkeit von Mode, H&M und die viel zu
rastlose Fashionwelt.
Von Antje Mayer
(c) Sam Sisk
Antje Mayer: Ist Mode Kunst? Karl Lagerfeld, Marc Jacobs, Comme de
Garcons’ Rei Kawakubo oder Coco Chanel sagen „Nein, ist sie definitiv
nicht“. Paul Poiret, Ralph Rucci oder John Varvatos behaupten: Ja!
Karen Van Godtsenhoven: Diese Frage wir uns Modekuratoren sehr oft gestellt.
Aber entgegen allen Vermutungen: Ich habe gar nicht das Ansinnen, zu
beweisen, das Mode Kunst ist. Sie ist angewandte Kunst, funktional und
kommerziell und somit keine bildende Kunst. Und doch kann niemand
abstreiten, dass Mode künstlerische Elemente in sich trägt, oder? Mein
Antwort ist also weder Ja noch Nein.
Falsche Frage?
Ja, tatsächlich, manchmal sind wir ein bisschen genervt von dieser Diskussion
(lacht). Wir sind im Museumsalltag damit konfrontiert, dass den
Modekreationen – leider!– weniger Respekt entgegengebracht wird als Kunst.
Unsere Besucher fassen die wertvollen Stücke immer wieder an, was sie sich
bei einem Bild oder einer Skulptur nie wagen würden. Es ist klar, Textilien
will man auch in den Händen spüren. Wir unterstützen diese Bedürfnis im
Grunde ja auch, andererseits stehen wir vor restauratorischen Problemen,
weil die Stoffe- besonders die neueren- zuweilen sehr fragil sind,
andererseits wollen wir die Kleidungsstücke ja auch nicht statisch hinter
Glas präsentieren.
Ich sammle selbst Kleider und Kunst. Während ich meine Bilder schön
rahmen lassen kann und sie dann und wann an die Wand hänge, habe ich mit
meinen Kleidungstücken schon größere Probleme. Sie sind doch letztlich
für den Körper gemacht und nur durch ihn erwachen sie zum Leben
…
Viele Museen arbeiten seit neuesten eher abstrakt, mit so Körperrümpfen ohne
Kopf und Extremitäten. Die können sehr gespenstisch wirken. Mode ist für den
Körper gemacht und deswegen bevorzugen wir es im MoMu eher, eine menschlich
geformte Büste „reinzustecken“ und die Plattformen, auf den sie stehen, zu
bewegen und zu drehen. Manchmal bitten wir Künstler, für Ausstellungen extra
Puppen zu gestalten. Auch Film ist definitiv ein Medium, das Mode durch das
Bewegungsmoment genial ergänzt. Anlässlich einer historische Ausstellung
über die Mode im 18. Und 19. Jahrhundert in unserem Haus haben wir mit Hilfe
eines Animationsfilms zeigen können, wie sich die Leute damals aufgrund
ihrer Kleidung bewegt haben. Film finde ich eine tolles Medium, Mode adäquat
zu präsentieren.
Vom Abstrakten zum Persönlichen. Ich geb’s zu, ich beneide Dich um
Deinen Job. Wie sieht denn so ein Arbeitstag im Leben einer
Modekuratorin in Antwerpen aus?
Ich arbeite viel und gern. Gerade bereite ich die nächsten Ausstellung mit
Stücken unserer eigenen Sammlung und Leihstücken vor, in der es um Federn
geht . Heute morgen hatte ich ein Treffen mit unseren Restauratoren, um zu
besprechen, welche Stücke wir dort zeigen können. Gestern habe ich mich mit
dem Ausstellungsarchitekten zum Mittagessen getroffen und mit ihm überlegt,
wie wir die fragilen Objekte zeigen können, ohne eine zu statische
Museumsatmosphäre zu generieren. Zwischendrin bin ich mit Katalogautoren in
Kontakt und recherchiere Bildermaterial. Am zeitaufwendigsten ist es mit den
Designern zu korrespondieren. Die haben leider nicht immer Verständnis für
unsere museale Zeitrechnung. Da prallen Welten aufeinander!
Was meinst Du damit?
Die sind gewohnt in extrem kurzen Zeitspannen zu arbeiten. Du rufst bei den
Designern an, am nächsten Tag senden sie das Stück zu und übermorgen wollen
sie es am liebsten schon wieder retourniert haben. Stücke aus älteren
Kollektionen zu leihen, schätzen sie nicht sehr, da sie natürlich ihre
neuesten Stücke zeigen wollen. Für einen Designer zählt immer die neueste
Kollektion.
In Antwerpener Modemuseum ausgestellt zu werden, ist aber jetzt auch
nicht die schlechteste Referenz …
.. zum Glück, unser guter Ruf eilt uns voraus! Eine Show in unserem Haus ist
für weniger bekannte Designer eine Ehre und für die bekannteren immerhin ein
Marketingtool. Aber die PR Agenturen verstehen nicht, dass wir die Stücke
nicht zwei Tage vor der Eröffnung, sondern schon Wochen vorher brauchen. Die
Kleider müssen erst einmal drei Wochen in Quarantäne kommen, um zu
verhindern, dass Schädlinge oder Schimmel andere Kleidungsstücke befallen.
Ein anderes Szenario: Du fragst ein bestimmtes Stück an, sie schicken uns
aber nicht dasselbe, sondern nur ein ähnliches, weil sie denken, es ist für
ein Fotoshooting. Es ist aber aus kuratorischer Sicht sehr wichtig, genau
das Stück zu haben, das Du angefordert hast. Zuweilen ermüdend.
Ich habe in der US-Vogue gelesen, dass
(http://blog.momu.be/2013/presspr/momu-in-vogue-usa/ gelesen) Eure
Direktorin Kaat Debo kann jährlich für 30.000 Euro Mode shoppen gehen.
Würde ich auch gerne können!
Dafür kannst Du gerade mal
ein paar Silhouetten von zwei bis drei bekannten Designern ergattern. Aber
es ist gut, so ein Budget zu haben. Glücklicherweise bekommen wir viele
Schenkungen von aktuellen belgischen Designern. Wir funktionieren als eine
Art Archiv für sie.
Kauft Ihr auch H&M Stücke auf? Das ist angewandte Mode at its
best, oder nicht?
Uns interessierten diese kollaborativen Kollektionen von bekannten Designern
für H&M. Unser Fokus im MoMu liegt ja eher auf Designerkollektionen,
aber wenn wir Sammlungen geschenkt bekommen, lassen wir die „gewöhnlichen“
H&M Stücke dabei, weil sie uns sehr interessante Geschichten zum
Konvolut erzählen können. „Alltagskleidung“ sammeln wir nicht, das machen
andere Institutionen mit einer eigenen Kostümabteilung. In den Museen in den
USA ist man beispielsweise traditionell oft auf Sportmode fokussiert.
Ihr habt eine historische und zeitgenössische Modeabteilung im Haus.
Gibt es da Unterschiede?
Mode ist – besonders heute- etwas kurzweiliges, nicht wie früher für „die
Ewigkeit“ gemacht, als ein Mensch fünf Stücke besaß, die ein Leben lang
halten mussten. Dass die Qualität des Materials mit der Zeit so leidet, ist
ein Horror für uns Museumsleute, die es ja für immer konservieren wollen.
(lacht). Die alten historischen Textilien haben eine sehr gute Qualität und
sind aus restauratorischer Sicht einfacher zu behandeln. Die neuen Stoffe
sind viel fragiler und vergänglicher. Besonders Kunstfaser.
Was macht Dich glücklich an Mode?
Ich liebe meinen Job, interessante Designer zu treffen, mit Künstlern und
Architekten zu arbeiten, auf Modeshows zu gehen, Artikel zu schreiben. Und
ich genieße es über alles, in der MoMu Bücherei über Mode zu recherchieren,
leider habe ich dafür nicht so oft Zeit wie ich gern hätte.
Sammelst Du selbst Mode?
Ich würde es nicht Sammlung nennen, aber ich schaue schon nach extravaganten
Stücken und Vintagesachen, besonders nach Schuhen. Mein Freund macht sich
lustig, dass ich sie hüte wie Museumstücke.
Trägst Du H&M?
H&M und alle diese gleich geschalteten Modeketten machen mich wahnsinnig.
Für diese günstigen Preise können nur andere Menschen schlecht bezahlt
worden sein. Geht für mich ethisch und ökologisch gar nicht! Ich hatte
gehofft, dass die Szene nach der Finanzkrise endlich umdenkt, aber ich habe
den Eindruck, es ist nur noch schlimmer geworden. In manchen Modehäusern
werden mittlerweile zehn (!) Kollektionen pro Jahr rausgehauen. Das geht so
nicht weiter. Ich bin wirklich gespannt, ob sich das System in Zukunft
ändern wird!
Karen Van Godtsenhoven ist Modekuratorin am Antwerpener Mode Museum,
MoMu, sie bloggt und schreibt für verschiedene Modepublikationen.
www.momu.be
blog.momu.be
Diese Interview fand vorbereitend zur Veranstaltung „Fashion Talk“ statt.
Thema:
„Staging Fashion - Collecting and Displaying Contemporary Fashion Today“
am 20. November 2013.
Teilnehmer: Lidewij Edelkoort, Karen Van Godtsenhoven, Dan Thawley,
Christoph Thun-Hohenstein
Moderation: Daniel Kalt/Die Presse
MAK-Vortragssaal, Weiskirchnerstraße 3, 1010 Wien, Beginn: 16h, Ende:
18h, Freier Eintritt!
An interview with Karen Van Godtsenhoven, Fashion Curator at
the Antwerp Fashion Museum MoMu about her fight with the ephemerality of
fashion, the restless world of fashion and why she prefers designer clothes
to H&M.
By Antje Mayer
Antje Mayer: Is fashion art? Karl Lagerfeld, Marc Jacobs, Comme de
Garcons’ Rei Kawakubo and Coco Chanel all say, “No, definitely not”.
Paul Poiret, Ralph Rucci and John Varvatos respond: Yes!
Karen Van Godtsenhoven: We fashion curators are often asked this question.
But in spite of all expectations, I have no intention of trying to prove
that fashion is art. It is an applied art, it is functional and also
commercial, so it’s different from the fine arts.. no one can deny that
fashion has artistic elements in it, can they? So my answer is neither yes
nor no.
Wrong Question?
Yes, indeed, sometimes we get a bit irritated by this discussion (laughs). In
our everyday life in the museum we have to face the fact that fashion
creations – sadly! – are greeted with less respect than art. Our guests
touch the valuable items again and again, which they would never dare to do
in the case of a painting or a sculpture. Clearly, textiles are something we
also want to feel with our hands. Basically we also support this need, but
on the other hand we also face problems of restoration because the materials
– especially the newer ones – are sometimes very fragile; on the other hand
we don’t want to keep the garments as static objects behind glass.
For my own part, I collect both dresses and art. While I can have my
pictures beautifully framed and hang them on a wall now and then, I have
bigger problems with my items of clothing. After all, they are made for
the body and come to life only through the body …
Many museums work in a very abstract way these days, using mere torso models
without head or limbs. It can become very ghostly. Fashion is made for the
body and that is why we at the MoMu prefer rather to “insert” a model in
human form and to move and turn the platforms they stand on. Sometimes we
ask artists to design models especially for exhibitions. Film is also
definitely a medium that can supplement fashion quite brilliantly with the
aspect of movement. For an historical exhibition about fashion in the
18th and 19th centuries we were able to use an
animation film to show how people moved at that time because of their
clothes. I think that is a wonderful medium for presenting fashion
satisfactorily.
From the abstract to the personal. I have to admit that I envy you
your job. What is a typical day like in the life of a fashion curator in
Antwerp?
I work a lot and enjoy doing it. Just now I’m preparing the next exhibition
with items from our own collection and many loans, and it’s about feathers.
This morning I went to see our restoration team to discuss what items we
will be able to show there. Yesterday I had a meeting with the exhibition
architect and considered with him how we can show the fragile objects
without generating a very closed museum atmosphere. I’m also writing to
authors for the catalogue and research images. What takes most time is to
correspond with the designers. Unfortunately they don’t always understand
how the museum’s schedule works because they think in terms of a collection,
which is often made very last minute. That’s where worlds collide!
What do you mean more precisely?
They are accustomed to working in extremely short units of time. You ring the
designers up, next day they send you the piece and the day after tomorrow
they would like to have it back again. Lending items from previous
collections is something they mostly don’t like; they prefer to show their
latest work. In a designer’s mind, only the last collection counts.
But being exhibited in the Antwerp Fashion Museum is not the worst
reference these days…
.. Thank goodness, our good reputation goes before us! A show in our museum
is mostly an honour for smaller designers, and for the big labels it’s like
a marketing tool. But the agencies don’t understand that we need the items
not two days before opening day but rather a few weeks in advance. The
clothes have to start by going into quarantine for three weeks, to prevent
any vermin or pests attacking other items of clothing. Or a different
situation: we request a certain item but they send us not that one but one
that is very similar, because they think it is for a photo shooting. But
from the point of view of a curator it is very important to have precisely
the piece we have asked for. Tiring sometimes.
In US-Vogue (http://blog.momu.be/2013/presspr/momu-in-vogue-usa) I
read that your director, Kaat Debo, can go shopping for fashion for
30,000 Euros every year. Wish I could do that!
For that price you can just get a few silhouettes from
the collections of two or three well-known designers. But it’s good to have
a budget for that. Luckily we also get many donations from Belgian
contemporary designers, we function like their archive.
Do you also buy up H&M? That’s applied fashion at its best, isn’t
it?
We’re interested in those collaborative collections from well-known designers
for H&M. But our focus in MoMu is rather on designer collections.
However, if we have collections given to us, we let the “ordinary” H&M
pieces stay there, because they can tell us very interesting stories about
the bundle as a whole. We don’t collect “everyday” clothes – that is done by
other institutions around the world with a costume collection. Especially in
the USA the traditional focus is on casual wear.
You have historical and contemporary fashion departments in your
museum. Are there any differences?
Fashion – especially today – is something that’s made for the short term, not
for the long-term as it once was, when a person owned five items those had
to last for a lifetime. This decrease in quality is a horror for us museum
folk, who want to store everything forever. (laughs). The old historical
textiles are of very good quality and are easier to deal with from the point
of view of restoration. New materials are much more fragile and perishable.
Especially synthetics.
What makes you happy about fashion?
I love my job, meeting interesting designers, working with artists and
architects, going to fashion shows, writing articles and I enjoy more than
anything doing research about fashion in the MoMu library. Unfortunately
this does not happen too often.
Do you collect fashion yourself?
I wouldn’t call it collecting, but I certainly keep an eye out for
extraordinary items and vintage pieces, especially shoes. My partner makes
fun of me, saying I protect them like museum items.
Do you wear H&M?
H&M and all the similar high street chains make me mad. For those prices
other people have to be badly paid. That won’t do for me, both for ethical
and ecological reasons! I hoped that the financial crisis would have changed
this fast fashion consumerism but it seems only to get worse. In some
fashion houses now ten(!) collections are coming out every year. That can’t
go on. I’m curious to see how the system might change in the future.
Karen Van Godtsenhoven is a Fashion Curator at the Antwerp Fashion
Museum, MoMu; she blogs and writes for various fashion
publications.
www.momu.be
blog.momu.be
This interview was conducted in preparation for the event “Fashion Talk”.
Theme:“Staging Fashion - Collecting and Displaying Contemporary
Fashion Today” on 20th November , 2013
Participants: Lidewij Edelkoort, Karen Van Godtsenhoven, Dan
Thawley, Christoph Thun-Hohenstein
Moderator: Daniel Kalt/Die Presse
MAK-Vortragssaal, Weiskirchnerstraße 3, 1010 Wien, Start: 16h, End: 18h,
Entrance free!